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Wirecard: Deutschlands Wirtschaftskrimi um verschwundene Milliarden und flüchtige Manager

Von Wilhelm Lachmair | |   Aktienrecht

Wer bislang glaubte, ein Wirtschafts-Krimi könne keine Spannung bieten, wird nun schon seit Monaten eines Besseren belehrt: Das Verschwinden von Milliarden Euro, ein dubioser, seit Monaten vermutlich in Russland abgetauchter Ex-Vorstand mit besten Beziehungen zu Geheimdiensten, ein toter Geschäftspartner und Ex-Mitarbeiter – und Woche für Woche gibt es neue, spannende Details. Eine Story, wie Sie sich die allerbesten Krimiautoren nicht hätten spannender ausdenken können. In diesem Fall ist das allerdings keine phantasievolle Fiktion, sondern pure Realität, die vielen Anlegern viel Geld gekostet hat.

Jahrelang hatten die Financial Times und einige Shortseller seit 2016 versucht, die Öffentlichkeit hinsichtlich der fragwürdigen Machenschaften von Wirecard zu sensibilisieren. Vor allem die Asiengeschäfte, die etwa die Hälfte des Umsatzes sowie den größten Teil des Gewinns beigetragen hatten, wurden angezweifelt. Doch weder deutsche Aufsichtsbehörden und Politik noch die Anleger schienen sich tatsächlich mit den Vorwürfen inhaltlich beschäftigen zu wollen. Zu schön war die Erfolgsstory, zu üppig die immer zielgenau eintreffenden von EY geprüften Bilanzgewinne. Jahr für Jahr 20% bis 45% Umsatzplus und 13% bis 44% Plus im Bruttoergebnis. Dann kam der Juni 2020, der Börsengeschichte schrieb. Mehrere Sonderprüfungen durch KPMG waren zuvor erfolglos verlaufen, da Auskünfte nicht erteilt und wichtige Dokumente von Wirecard nicht vorgelegt wurden. Die Wirtschaftsprüfer von EY verweigerten schließlich das Testat für 2019 und Wirecard beantragte daraufhin das Insolvenzverfahren, der Kurs rauschte von 159,75 Euro (07.09.2019) auf 1,08 Euro (26.06.2020) in den Keller. Nunmehr ist die Aktie praktisch wertlos.

Scheinumsätze, Bilanzmanipulation und abenteuerliche Flucht

Inzwischen ist bekannt, die Scheingeschäfte in Fernost – vor allem Dubai, Malaysia und Philippinen – dürften nur auf dem Papier mit Partnerfirmen getätigt worden sein. Der aktuelle Vorstandsvorsitzende James Freis nimmt an, dass bereits seit 2014 von Wirecard betrogen wurde. Wilhelm Lachmair, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht, von der 21legal Rechtanwaltsgesellschaft mbH in München vertritt folgende Auffassung: „Niemand außer den Verantwortlichen selbst, auch der als Insolvenzverwalter bestellte Michael Jaffé, kann derzeit sagen, welche Unternehmensteile von Wirecard tatsächlich Umsätze und Gewinne erwirtschaftet haben. Die 1,9 Milliarden Euro Ausfallsicherung auf den Philippinen existierten mit Sicherheit nur in der Phantasie des Wirecard-Managements, ein Großteil der Umsätze und vor allem der Gewinne ebenfalls.“

Als relativ sicher gilt inzwischen auch, dass u.a. über Briefkastenfirmen in Asien viele Millionen, die von Bankenkonsortien sogar noch in diesem Jahr geliehen wurden, gezielt beiseite geschafft wurden.   

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Markus Braun hat auf eine Flucht verzichtet und wurde unter dem dringenden Verdacht der Bilanzmanipulation verhaftet. Die Schwere der Tat rechtfertigt scheinbar aus Sicht der Staatsanwaltschaft München I, dessen anfängliche Freilassung auf Kaution in Höhe von 5,5 Millionen zu widerrufen. Herr Braun sitzt nunmehr in Haft.

Dr. Nuriye Yildirim, Fachanwältin für Bank- und Kapitalmarktrecht, von 21legal sieht ein Versagen vom gesamten Vorstand der AG, Wirecard-Aufsichtsrat. Wirtschaftspruefungsgesellschaften und Aufsichtsbehörden: „Entweder haben die Beteiligten von den Bilanzmanipulationen und Scheingeschäften in diesem Ausmaß gewusst oder die Beteiligten haben nicht richtig hingeschaut. Ein Blick in die Bilanzen z.B. der asiatischen Partnerfirmen hätte schon genügt um festzustellen, dass da keine 1,9 Milliarden Euro liegen.“

Als Schlüsselfigur im Wirecard-Skandal gilt der für das Asiengeschäft zuständige ehemalige Vorstand Jan Marsalek. Ohne Abitur und ohne Studium gelang dem Österreicher ein märchenhafter Aufstieg zum Vorstand des DAX-Unternehmens Wirecard. Und das nicht nur mit den Märchen von grandiosen Gewinnen. Bis zu seinem Verschwinden schien sich niemand so recht für seine dubiosen Machenschaften und Kontakte zu Geheimdiensten in Österreich und Russland zu interessieren. Professionell und mit höchster krimineller Energie legte er bei seiner Flucht Spuren nach Malaysia und China. Tatsächlich sitzt er aber anscheinend wohlbehütet vom russischen Geheimdienst in der Sowjetunion. Ob das stimmt, werden wir wohl erst erfahren, sollte Marsalek gefasst und vor Gericht gestellt werden. Dass eine Unterkunft des russischen Geheimdienstes die passende Location ist, um beiseite geschaffte Millionen zu genießen, darf jedenfalls bezweifelt werden.

Der Inhaber einer wichtigen Partnerfirma, zuvor Asienchef von Wirecard, der sicherlich etwas Licht ins Dunkle hätte bringen können, starb am 27. Juli in Manila. Laut Wirecard-Insidern stand er über Jahre in engem Kontakt zu Marsalek. Ob zum Tod des eigentlich gesunden Mittvierzigers ermittelt wird, ist noch nicht bekannt.

Was wird Wirecard vorgeworfen? Was kann der geschädigte Anleger tun?

Es gibt natürlich eine ganze Reihe von Ansprüchen und Anspruchsgegnern, die analysiert werden müssen. Als DAX Unternehmen hat Wirecard bestimmte Kommunikationspflichten einzuhalten. Dazu gehören Informationen, die für den Aktienkurs relevant sein könnten. Diese Informationen sind unverzüglich zu veröffentlichen, damit Anleger die Möglichkeit haben, möglichen Kursverlusten rechtzeitig entgegenzuwirken. Diese Pflicht zu sogenannten ad hoc Mitteilungen dürfte Wirecard massiv verletzt haben. Daraus lassen sich Schadensersatzansprüche für die Aktionäre herleiten. Bedauerlicherweise wird der Aktionär von Wirecard erst dann etwas bekommen, wenn alle anderen Gläubiger ihr Geld vollständig haben – also praktisch nie.

Daher müssen die Geschädigten voraussichtlich einen anderen Weg gehen - und das ist die Prüfung von Schadenersatzansprüchen. Ob Sie die Anteilseigner ihre Aktien behalten oder veräußern, ist für die weitere Verfolgung der Ansprüche weniger relevant.

Dr. Nuriye Yildirim skizziert, wer als Anspruchsgegner infrage kommt: „Denkbar sind Ansprüche gegen Ernst & Young, gegen die Bafin selbst sowie gegen den Vorstand von Wirecard persönlich. Denkbar und nicht ausgeschlossen sind auch Ansprüche gegen Ihre Bank, sofern der Ankauf von praktischen wertlosen Aktien durch den Bänker angeraten wurde. Theoretisch bestehen also verschiedene Möglichkeiten Ansprüche durchzusetzen. Ob dies in der Praxis, also in der Gerichtspraxis erfolgsversprechend erfolgen kann, ist nach unserer Auffassung und Erfahrung derzeit noch nicht abschließend zu bewerten. Wir sehen dafür aber realistische Chancen in absehbarer Zeit.“

Wilhelm Lachmair: „Der gesamte Sachverhalt, auf dessen Grundlage Rechtsansprüche geprüft werden können, ist noch zu ermitteln. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft werden für die Tatsachenfindung hilfreich sein. Um eine verlässliche Auskunft über die Risiken einer gerichtlichen Auseinandersetzung abgeben zu können, ist es zwingend erforderlich, mehr über die Hintergründe der Bilanztestate in den letzten Jahren zu erfahren. Dies kann zum einen über die Staatsanwaltschaft erfolgen. Zum anderen über die Einsicht in die Prüfberichte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY (Ernst & Young). Denkbar ist auch, über die Bafin an weitere Informationen zu gelangen.“

Was ist jetzt zu tun?

Schadensersatzansprüche dürften grundsätzlich bestehen, allerdings raten die Fachanwälte von 21legal in München von voreiligen Klagen ab: Dies gilt auch für eine vermeintliche Sammelklage. Denn auch diese ist mit Kosten verbunden und sollte auf schlüssige Tatsachen gestützt werden können. Nur dann kann eine rechtliche Durchsetzung erfolgsversprechend sein.

Generell kann gesagt werden: Einen Anspruch auf Schadensersatz kann jeder geltend machen, der sogenannte Wertpapiere (u.a. Aktien und Anleihen) von Wirecard erworben hat. Der Schaden ist die Differenz zwischen dem Kaufpreis und dem Verkaufserlös, sofern ein Verkauf der Aktien erfolgt ist. Sollten der Anleger weiterhin im Besitz der Aktien sein, stellt der sogenannte Kursschaden, vereinfacht ausgedrückt der Wertverlust der Aktien den wirtschaftlichen Schaden dar. Für die Berechnung des Kursschadens verlangt der Bundesgerichtshof die Bestimmung eines Kurseffektes der Mitteilung nach Bekanntwerden, was in dem Kursrückgang häufig zu finden sein wird.

Gerade jetzt ist wichtig, gemeinsam mit versierten Anwälten die weitere Entwicklung zu beobachten, um dann Ansprüche an der richtigen Adresse geltend zu machen.

Sie sind Wirecard-geschädigt? Dann nehmen Sie mit uns – den Fachanwälten für Bank- und Kapitalmarktrecht bei 21legal – für eine kostenlose Ersteinschätzung Kontakt auf. Wir beraten Sie, ob eine Anspruchsdurchsetzung auf Schadensersatz rechtlich und wirtschaftlich in Ihrem Einzelfall sinnvoll erscheint. Nutzen Sie unser spezielles Kontaktformular mit einem Klick hier.

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