Wirecard – Skandal mit Vorbildern

10 Mrd. EUR an vernichteten Börsenwert sind nicht wenig. Einzigartig ist das aber nicht

München, 24.06.2020;CEO Markus Braun ist von Bord gegangen.Er soll einen Großteil seiner Aktien verkauft und dafür Rund 155 Mio. EUR erlöst haben. Zwischenzeitlich ist gegen ihn Haftbefehl erlassen, die Staatsanwaltschaft München I ermittelt wegen Betruges und Anlegertäuschung. Beispiellos? Nein, bei weitem nicht: Momentan irrt der Aktienkurs orientierungslos zwischen zehn und 20 EUR hin und her. Vorwiegend spekulativ veranlagte Anleger schließen offenbar Wetten darauf, ob das Unternehmen fortbesteht oder vom Markt verschwindet. Im Moment ist beides möglich. Wir versuchen, auf entsprechende Vorbilder zu blicken.

 

Wirecard und Enron

Enron war ein US-amerikanisches Gashandelsunternehmen. Es gehörte Anfang des Jahrtausends zu den größten Konzernen der USA und hatte seinen Sitz in Houston-Texas.Dem schwindelhaften Aufstieg eines kleinen Gashändlers in die erste Liga folgte der ebenso rapide Fall:Auf die Ankündigung einer Voruntersuchung durch die US-Börsenaufsicht SEC wurde schnell offenbart, dass die Bilanz massiv verfälscht war. Bei 40 Mrd. USD Umsatz tauchten plötzlich 30 Mrd. an bisher nicht bekannten Verbindlichkeiten auf. Eine Übernahme scheiterte, das Unternehmen fiel in Insolvenz.Der Börsenkurs verfiel innerhalb weniger Tage von 90 USD auf wenige Cent.

Auch hier wurden wesentliche Umsätze ausgegliedert, die sich in der Bilanz – allerdings in fehlerhafter Weise – nicht wieder fanden. Der Wirtschaftsprüfer Arthur Anderson verschwand seinerzeit mit Enron vom Markt. Auch bei Wirecard werden wesentliche Umsätze über Drittpartner abgewickelt, auf die man keinen 100-prozentigen Zugriff hat. Dies hat seinen Grund darin, dass man es versäumt hat, für wesentliche Märkte Banklizenzen zu beantragen.Es waren auch vor allen Dingen Probleme beim sog. Third-Party-Akquiring, die, soweit bisher bekannt, zu dem Desaster führten.Dort sind auch 1,9 Mrd. EUR an Treuhandgeldern verschwunden.

Noch ist unklar, ob Wirecard dies überstehen kann. Letztlich hängt dies auch davon ab, ob es gelingt, Kreditgeber, Anleger und Vertragspartner von der eigenen Seriosität noch einmal zu überzeugen. Leicht ist das sicher nicht. Möglicherweise sind die Probleme aber auch nicht ganz so krass wie bei Enron. Immerhin wurde ja auch durchaus Geld verdient.

 

Wirecard und VW

Auch hier gibt es durchaus Parallelen.VW gelang es, gleichsam über Nacht einen Kursschaden von 15 Mrd. EUR anzurichten.Ursache war ein „schmutziges Geheimnis“, das aufgrund der Ermittlungen US-amerikanischer Strafverfolger und Umweltexperten aufgeflogen ist. Insoweit sehen wir Parallelen zum Fall Wirecard. Die Probleme schwären schon länger.Es dürfte sicherlich nicht erst eine Entdeckung vom Vortage sein, dass es Probleme bei den Drittpartnern und auch bei den letztlich fehlenden Treuhandgeldern gab. Dass es im Bereich der Niederlassungen Singapur und Dubai Ungereimtheiten gibt, weiß man spätestens seit der Sonderprüfung bei der Singapur der Gesellschaft Anfang 2019 und dem verweigerten Testat hinsichtlich der Dubaier Niederlassung.

Die Behauptung, das sei unproblematisch, weil ja mit dem Konzernabschluss auch die Niederlassungen „mit testiert“ würden, war schon damals nicht nachvollziehbar. Bedenklich ist es, dass sich die BaFin nicht nur seinerzeit damit zufrieden gab, sondern sogar noch Ihrerseits Ermittlungen gegen Journalisten und Hedge Fonds eingeleitet hat, die versuchten, einerseits die Misstände darzustellen bzw. von einem etwaigen Kursverfall zu profitieren – übrigens damals schon erfolgreich. Es war ja schon damals nicht das Problem dessen, der darauf hinwies, sondern dessen, der es hatte – die Wirecard AG.

Anders als der VW-Konzern dürfte es für Wirecard nicht einfach sein, diese Probleme nicht nur wegzustecken, sondern in der Folge – wohl auch aufgrund unkritischer Verbraucher – weitere Umsatz-und Gewinnrekorde zu feiern.Aber immerhin – anders als vielleicht Enron oder Steinhoff hat Wirecard ein durchaus interessantes Geschäftsmodell, das möglicherweise weiter trägt.

 

Wirecard und Steinhoff

Noch ein Konzern, der plötzlich, wie aus dem Nichts, Bilanzprobleme vermeldet und dann faktisch vom Markt verschwindet, bzw. das Leben eines Pennystocks weiterführt. Am 5. Dezember 2017 wurden Unregelmäßigkeiten in der Bilanz von Steinhoff eingeräumt, woraufhin CEO Markus Jooste versprach, am Abend eine Präsentation zu geben. Stattdessen verschickte er an einige Kollegen eine E-Mail, in der er zugab, "ein paar große Fehler begangen und vielen unschuldigen Menschen finanzielle Verluste zugefügt" zu haben. Er müsse "weiterziehen". Daraufhin war er verschwunden.

Die Folgen sind bekannt. Einige durchaus nicht unbekannte Tochtergesellschaften wurden aus dem Möbel-Konzern herausgelöst, der Rest existiert irgendwie weiter. Ein bisschen erinnert dieses Vorgehen auch an Wirecard. Hier kam man mit der Wahrheit um die Ecke, als es praktisch gar nicht mehr anders ging. Man wird den Verdacht nicht los, dass man durch eine aufrichtigere Kommunikationspolitik einen nicht unerheblichen Teil des Schadens vermeiden hätte können. Wenn es etwas gibt, was Wirecard möglicherweise endgültig zum Verhängnis wird, dann ist es genau dieser Aspekt.

Das Zurückhalten von eindeutig börsenrelevanten und auch veröffentlichungspflichtigen Informationen hat zu einem enormen Vertrauensverlust und wohl auch zu einer erheblichen Schadenersatzverpflichtung des Konzerns gegenüber seinen Anlegern geführt, die nun zusätzlich zu bewältigen ist. Dies ist doppelt schade, zumal Wirecard durchaus ein Aushängeschild für den hiesigen Finanzplatz hätte sein können. Ein innovatives Unternehmen mit einem hochmodernen digitalen Geschäftsmodell, das seine Umsätze zwischenzeitlich in der ganzen Welt erzielt, das hätte dem hiesigen Börsenumfeld gut zu Gesicht gestanden.

Man wird sehen, wie viel sich davon noch retten lässt. Immerhin stimmt die Nachricht optimistisch, dass mit James H. Freis ein erfahrener und für die jetzt anstehenden Aufgaben durchaus qualifiziertes neues Vorstandsmitglied gefunden werden konnte. Freis übernimmt aktuell auch die Aufgabe des CEO. Die Sache bleibt in jedem Falle spannend.

Wir bleiben für Sie weiter am Ball.